Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.Vielleicht sind sie kaum noch fahig zu widerstehen, wenn ihnen von etablierten Machten befohlen wird, dass sie es abermals tun, solange es nur im Namen irgendwelcher halb oder gar nicht geglaubter Ideale geschiehtSpreche ich von der Erziehung nach Auschwitz, so meine ich zwei Bereiche: einmal Erziehung in der Kindheit, zumal der fruhen; dann allgemeine Aufklarung, die ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft, das eine Wiederholung nicht zulasst, ein Klima also, in dem die Motive, die zu dem Grauen gefuhrt haben, einigermassen bewusst werden.Der Volkermord hat seine Wurzel in jener Resurrektion des angriffslustigen Nationalismus, die seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts in vielen Landern sich zutrugMan wird weiter die Erwagung nicht von sich abweisen konnen, dass die Erfindung der Atombombe, die buchstablich mit einem Schlag Hunderttausende ausloschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehort wie der Volkermord.Ich mochte dabei auf eine Tatsache hinweisen, die sehr charakteristischerweise in Deutschland kaum bekannt zu sein scheint, obwohl ein Bestseller wie 'Die vierzig Tage des Musa Dagh' von Werfel seinen Stoff daraus zog.Denkt man daran, wie Besuche irgendwelcher Potentaten, die politisch gar keine reale Funktion mehr haben, zu ekstatischen Ausbruchen ganzer Bevolkerungen fuhren, so ist der Verdacht wohl begrundet, dass das autoritare Potential nach wie vor weit starker ist, als man denken sollte.Ich glaube nicht, dass es viel hulfe, an ewige Werte zu appellieren, uber die gerade jene, die fur solche Untaten anfallig sind, nur die Achseln zucken wurden; glaube auch nicht, Aufklarung daruber, welche positiven Qualitaten die verfolgten Minderheiten besitzen, konnte viel nutzen.Ein Schema, das in der Geschichte aller Verfolgungen sich bestatigt hat, ist, dass die Wut gegen die Schwachen sich richtet, vor allem gegen die, welche man als gesellschaftlich schwach und zugleich -- mit Recht oder Unrecht -- als glucklich empfindet.Eher ist anzunehmen, dass der Faschismus und das Entsetzen, das er bereitete, damit zusammenhangen, dass die alten, etablierten Autoritaten des Kaiserreichs zerfallen, gesturzt waren, nicht aber die Menschen psychologisch schon bereit, sich selbst zu bestimmen.Dass man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewusst macht, zeigt, dass das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom dessen, dass die Moglichkeit der Wiederholung, was den Bewusstseins- und Unbewusstseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht.Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, dass die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstarkt.Trotzdem ist es zu versuchen, auch angesichts dessen, dass die Grundstruktur der Gesellschaft und damit ihrer Angehorigen, die es dahin gebracht haben, heute die gleichen sind wie vor funfundzwanzig Jahren.Da aber die Charaktere insgesamt, auch die, welche im spateren Leben die Untaten verubten, nach den Kenntnissen der Tiefenpsychologie schon in der fruhen Kindheit sich bilden, so hat Erziehung, welche die Wiederholung verhindern will, auf die fruhe Kindheit sich zu konzentrieren.Man muss die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, dass sie solcher Taten fahig werden, muss ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, dass sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewusstsein jener Mechanismen erweckt.Ich halte diese Erklarung fur zu oberflachlich, obwohl bei uns, wie in vielen anderen europaischen Landern, autoritare Verhaltensweisen und blinde Autoritat viel zaher uberdauern, als man es unter Bedingungen formaler Demokratie gern Wort hat.Vom Psychologischen rede ich nur deshalb soviel, weil die anderen, wesentlicheren Momente dem Willen gerade der Erziehung weitgehend entruckt sind, wenn nicht dem Eingriff der Einzelnen uberhaupt.Die Besinnung darauf, wie die Wiederkehr von Auschwitz zu verhindern sei, wird verdustert davon, dass man dieses Desperaten sich bewusst sein muss, wenn man nicht der idealistischen Phrase verfallen will.Da die Moglichkeit, die objektiven, namlich gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen, die solche Ereignisse ausbruten, zu verandern, heute aufs ausserste beschrankt ist, sind Versuche, der Wiederholung entgegenzuarbeiten, notwendig auf die subjektive Seite abgedrangt.Sie ist aber umfassender noch, als er sie verstand; vor allem, weil unterdessen der zivilisatorische Druck, den er beobachtet hat, sich bis zum Unertraglichen vervielfachte.Der Druck des herrschenden Allgemeinen auf alles Besondere, die einzelnen Menschen und die einzelnen Institutionen, hat eine Tendenz, das Besondere und Einzelne samt seiner Widerstandskraft zu zertrummern.Mit ihrer Identitat und mit ihrer Widerstandskraft bussen die Menschen auch die Qualitaten ein, kraft deren sie es vermochten, dem sich entgegenzustemmen, was zu irgendeiner Zeit wieder zur Untat lockt.Das ist von keinem Lebendigen als Oberflachenphanomen, als Abirrung vom Lauf der Geschichte abzutun, die gegenuber der grossen Tendenz des Fortschritts, der Aufklarung, der vermeintlich zunehmenden Humanitat nicht in Betracht kame.Schon im Ersten Weltkrieg haben die Turken -- die sogenannte Jungturkische Bewegung unter der Fuhrung von Enver Pascha und Talaat Pascha -- weit uber eine Million Armenier ermorden lassen.Darum haben dann die Autoritatsstrukturen jene destruktive und -- wenn ich so sagen darf -- irre Dimension angenommen, die sie vorher nicht hatten, jedenfalls nicht offenbarten.Seine Schriften 'Das Unbehagen in der Kultur' und 'Massenpsychologie und Ich-Analyse' verdienten die allerweiteste Verbreitung gerade im Zusammenhang mit Auschwitz.Man kann von der Klaustrophobie der Menschheit in der verwalteten Welt reden, einem Gefuhl des Eingesperrtseins in einem durch und durch vergesellschafteten, netzhaft dicht gesponnenen Zusammenhang.Ich mochte aber nachdrucklich betonen, dass die Wiederkehr oder Nichtwiederkehr des Faschismus im Entscheidenden keine psychologische, sondern eine gesellschaftliche Frage ist.Solcher Besinnungslosigkeit ist entgegenzuarbeiten, die Menschen sind davon abzubringen, ohne Reflexion auf sich selbst nach aussen zu schlagen.Das Unbehagen in der Kultur hat jedoch -- was Freud nicht verkannte, wenn er dem auch nicht konkret nachging -- seine soziale Seite.Nicht die Ermordeten sind schuldig, nicht einmal in dem sophistischen und karikierten Sinn, in dem manche es heute noch konstruieren mochten.Millionen schuldloser Menschen -- die Zahlen zu nennen oder gar daruber zu feilschen, ist bereits menschenunwurdig -- wurden planvoll ermordet.Die sprunghafte Bevolkerungszunahme heute nennt man gern Bevolkerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalitat fur die Bevolkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Totung ganzer Bevolkerungen, bereit hatte.Damit haben auch die Tendenzen zur Explosion, auf die er aufmerksam machte, eine Gewalt angenommen, die er kaum absehen konnte.Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Ruckfall zeitigten, wesentlich fortdauern.Wenn im Zivilisationsprinzip selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas Desperates, dagegen aufzubegehren.Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Krafte, gegen die man angehen muss, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.Soziologisch mochte ich wagen, dem hinzuzufugen, dass unsere Gesellschaft, wahrend sie immer mehr sich integriert, zugleich Zerfallstendenzen ausbrutet.Gewalttatig und irrational wird gegen sie aufbegehrt.