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Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.Vielleicht sind sie kaum noch fahig zu widerstehen, wenn ihnen von etablierten Machten befohlen wird, dass sie es abermals tun, solange es nur im Namen irgendwelcher halb oder gar nicht geglaubter Ideale geschiehtSpreche ich von der Erziehung nach Auschwitz, so meine ich zwei Bereiche: einmal Erziehung in der Kindheit, zumal der fruhen; dann allgemeine Aufklarung, die ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft, das eine Wiederholung nicht zulasst, ein Klima also, in dem die Motive, die zu dem Grauen gefuhrt haben, einigermassen bewusst werden.Der Volkermord hat seine Wurzel in jener Resurrektion des angriffslustigen Nationalismus, die seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts in vielen Landern sich zutrugMan wird weiter die Erwagung nicht von sich abweisen konnen, dass die Erfindung der Atombombe, die buchstablich mit einem Schlag Hunderttausende ausloschen kann, in denselben geschichtlichen Zusammenhang hineingehort wie der Volkermord.Ich mochte dabei auf eine Tatsache hinweisen, die sehr charakteristischerweise in Deutschland kaum bekannt zu sein scheint, obwohl ein Bestseller wie 'Die vierzig Tage des Musa Dagh' von Werfel seinen Stoff daraus zog.Denkt man daran, wie Besuche irgendwelcher Potentaten, die politisch gar keine reale Funktion mehr haben, zu ekstatischen Ausbruchen ganzer Bevolkerungen fuhren, so ist der Verdacht wohl begrundet, dass das autoritare Potential nach wie vor weit starker ist, als man denken sollte.Ich glaube nicht, dass es viel hulfe, an ewige Werte zu appellieren, uber die gerade jene, die fur solche Untaten anfallig sind, nur die Achseln zucken wurden; glaube auch nicht, Aufklarung daruber, welche positiven Qualitaten die verfolgten Minderheiten besitzen, konnte viel nutzen.Ein Schema, das in der Geschichte aller Verfolgungen sich bestatigt hat, ist, dass die Wut gegen die Schwachen sich richtet, vor allem gegen die, welche man als gesellschaftlich schwach und zugleich -- mit Recht oder Unrecht -- als glucklich empfindet.Eher ist anzunehmen, dass der Faschismus und das Entsetzen, das er bereitete, damit zusammenhangen, dass die alten, etablierten Autoritaten des Kaiserreichs zerfallen, gesturzt waren, nicht aber die Menschen psychologisch schon bereit, sich selbst zu bestimmen.Dass man aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewusst macht, zeigt, dass das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, Symptom dessen, dass die Moglichkeit der Wiederholung, was den Bewusstseins- und Unbewusstseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht.Unter den Einsichten von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint mir eine der tiefsten die, dass die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische hervorbringt und es zunehmend verstarkt.Trotzdem ist es zu versuchen, auch angesichts dessen, dass die Grundstruktur der Gesellschaft und damit ihrer Angehorigen, die es dahin gebracht haben, heute die gleichen sind wie vor funfundzwanzig Jahren.Da aber die Charaktere insgesamt, auch die, welche im spateren Leben die Untaten verubten, nach den Kenntnissen der Tiefenpsychologie schon in der fruhen Kindheit sich bilden, so hat Erziehung, welche die Wiederholung verhindern will, auf die fruhe Kindheit sich zu konzentrieren.Man muss die Mechanismen erkennen, die die Menschen so machen, dass sie solcher Taten fahig werden, muss ihnen selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, dass sie abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewusstsein jener Mechanismen erweckt.Ich halte diese Erklarung fur zu oberflachlich, obwohl bei uns, wie in vielen anderen europaischen Landern, autoritare Verhaltensweisen und blinde Autoritat viel zaher uberdauern, als man es unter Bedingungen formaler Demokratie gern Wort hat.Vom Psychologischen rede ich nur deshalb soviel, weil die anderen, wesentlicheren Momente dem Willen gerade der Erziehung weitgehend entruckt sind, wenn nicht dem Eingriff der Einzelnen uberhaupt.Die Besinnung darauf, wie die Wiederkehr von Auschwitz zu verhindern sei, wird verdustert davon, dass man dieses Desperaten sich bewusst sein muss, wenn man nicht der idealistischen Phrase verfallen will.Da die Moglichkeit, die objektiven, namlich gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen, die solche Ereignisse ausbruten, zu verandern, heute aufs ausserste beschrankt ist, sind Versuche, der Wiederholung entgegenzuarbeiten, notwendig auf die subjektive Seite abgedrangt.Sie ist aber umfassender noch, als er sie verstand; vor allem, weil unterdessen der zivilisatorische Druck, den er beobachtet hat, sich bis zum Unertraglichen vervielfachte.Der Druck des herrschenden Allgemeinen auf alles Besondere, die einzelnen Menschen und die einzelnen Institutionen, hat eine Tendenz, das Besondere und Einzelne samt seiner Widerstandskraft zu zertrummern.Mit ihrer Identitat und mit ihrer Widerstandskraft bussen die Menschen auch die Qualitaten ein, kraft deren sie es vermochten, dem sich entgegenzustemmen, was zu irgendeiner Zeit wieder zur Untat lockt.Das ist von keinem Lebendigen als Oberflachenphanomen, als Abirrung vom Lauf der Geschichte abzutun, die gegenuber der grossen Tendenz des Fortschritts, der Aufklarung, der vermeintlich zunehmenden Humanitat nicht in Betracht kame.Schon im Ersten Weltkrieg haben die Turken -- die sogenannte Jungturkische Bewegung unter der Fuhrung von Enver Pascha und Talaat Pascha -- weit uber eine Million Armenier ermorden lassen.Darum haben dann die Autoritatsstrukturen jene destruktive und -- wenn ich so sagen darf -- irre Dimension angenommen, die sie vorher nicht hatten, jedenfalls nicht offenbarten.Seine Schriften 'Das Unbehagen in der Kultur' und 'Massenpsychologie und Ich-Analyse' verdienten die allerweiteste Verbreitung gerade im Zusammenhang mit Auschwitz.Man kann von der Klaustrophobie der Menschheit in der verwalteten Welt reden, einem Gefuhl des Eingesperrtseins in einem durch und durch vergesellschafteten, netzhaft dicht gesponnenen Zusammenhang.Ich mochte aber nachdrucklich betonen, dass die Wiederkehr oder Nichtwiederkehr des Faschismus im Entscheidenden keine psychologische, sondern eine gesellschaftliche Frage ist.Solcher Besinnungslosigkeit ist entgegenzuarbeiten, die Menschen sind davon abzubringen, ohne Reflexion auf sich selbst nach aussen zu schlagen.Das Unbehagen in der Kultur hat jedoch -- was Freud nicht verkannte, wenn er dem auch nicht konkret nachging -- seine soziale Seite.Nicht die Ermordeten sind schuldig, nicht einmal in dem sophistischen und karikierten Sinn, in dem manche es heute noch konstruieren mochten.Millionen schuldloser Menschen -- die Zahlen zu nennen oder gar daruber zu feilschen, ist bereits menschenunwurdig -- wurden planvoll ermordet.Die sprunghafte Bevolkerungszunahme heute nennt man gern Bevolkerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalitat fur die Bevolkerungsexplosion auch Gegenexplosionen, die Totung ganzer Bevolkerungen, bereit hatte.Damit haben auch die Tendenzen zur Explosion, auf die er aufmerksam machte, eine Gewalt angenommen, die er kaum absehen konnte.Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Ruckfall zeitigten, wesentlich fortdauern.Wenn im Zivilisationsprinzip selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas Desperates, dagegen aufzubegehren.Das nur, um anzudeuten, wie sehr die Krafte, gegen die man angehen muss, solche des Zuges der Weltgeschichte sind.Soziologisch mochte ich wagen, dem hinzuzufugen, dass unsere Gesellschaft, wahrend sie immer mehr sich integriert, zugleich Zerfallstendenzen ausbrutet.Gewalttatig und irrational wird gegen sie aufbegehrt.
Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an
Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie
begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, daß man mit
ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen hätte etwas
Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug. Daß man
aber die Forderung, und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewußt
macht, zeigt, daß das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist,
Symptom dessen, daß die Möglichkeit der Wiederholung, was den
Bewußtseins- und Unbewußtseinsstand der Menschen anlangt, fortbesteht. Jede
Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen
gegenüber, daß Auschwitz nicht sich wiederhole. Es war die Barbarei, gegen
die alle Erziehung geht. Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei.
Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange
die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist
das ganze Grauen. Der gesellschaftliche Druck lastet weiter, trotz allerUnsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die Menschen zu dem Unsäglichen, das
in Auschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte. Unter den Einsichten
von Freud, die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint
mir eine der tiefsten die, daß die Zivilisation ihrerseits das Antizivilisatorische
hervorbringt und es zunehmend verstärkt. Seine Schriften 'Das Unbehagen in
der Kultur' und 'Massenpsychologie und Ich-Analyse' verdienten die
allerweiteste Verbreitung gerade im Zusammenhang mit Auschwitz. Wenn im
Zivilisationsprinzip selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas
Desperates, dagegen aufzubegehren.
Die Besinnung darauf, wie die Wiederkehr von Auschwitz zu verhindern sei,
wird verdüstert davon, daß man dieses Desperaten sich bewußt sein muß,
wenn man nicht der idealistischen Phrase verfallen will. Trotzdem ist es zu
versuchen, auch angesichts dessen, daß die Grundstruktur der Gesellschaft und
damit ihrer Angehörigen, die es dahin gebracht haben, heute die gleichen sind
wie vor fünfundzwanzig Jahren. Millionen schuldloser Menschen — die Zahlen
zu nennen oder gar darüber zu feilschen, ist bereits menschenunwürdig —
wurden planvoll ermordet. Das ist von keinem Lebendigen als
Oberflächenphänomen, als Abirrung vom Lauf der Geschichte abzutun, die
gegenüber der großen Tendenz des Fortschritts, der Aufklärung, der
vermeintlich zunehmenden Humanität nicht in Betracht käme. Daß es sich
ereignete, ist selbst Ausdruck einer überaus mächtigen gesellschaftlichen
Tendenz. Ich möchte dabei auf eine Tatsache hinweisen, die sehr
charakteristischerweise in Deutschland kaum bekannt zu sein scheint, obwohl
ein Bestseller wie 'Die vierzig Tage des Musa Dagh' von Werfel seinen Stoff
daraus zog. Schon im Ersten Weltkrieg haben die Türken — die sogenannte
Jungtürkische Bewegung unter der Führung von Enver Pascha und Talaat
Pascha — weit über eine Million Armenier ermorden lassen. Höchste deutsche
militärische und auch Regierungsstellen haben offensichtlich davon gewußt,
aber es strikt geheimgehalten. Der Völkermord hat seine Wurzel in jener
Resurrektion des angriffslustigen Nationalismus, die seit dem Ende des
neunzehnten Jahrhunderts in vielen Ländern sich zutrugMan wird weiter die Erwägung nicht von sich abweisen können, daß die
Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem Schlag
Hunderttausende auslöschen kann, in denselben geschichtlichen
Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die sprunghafte
Bevölkerungszunahme heute nennt man gern Bevölkerungsexplosion: es sieht
aus, als ob die historische Fatalität für die Bevölkerungsexplosion auch
Gegenexplosionen, die Tötung ganzer Bevölkerungen, bereit hätte. Das nur, um
anzudeuten, wie sehr die Kräfte, gegen die man angehen muß, solche des
Zuges der Weltgeschichte sind.
Da die Möglichkeit, die objektiven, nämlich gesellschaftlichen und
politischen Voraussetzungen, die solche Ereignisse ausbrüten, zu verändern,
heute aufs äußerste beschränkt ist, sind Versuche, der Wiederholung
entgegenzuarbeiten, notwendig auf die subjektive Seite abgedrängt. Damit
meine ich wesentlich auch die Psychologie der Menschen, die so etwas tun. Ich
glaube nicht, daß es viel hülfe, an ewige Werte zu appellieren, über die gerade
jene, die für solche Untaten anfällig sind, nur die Achseln zucken würden;
glaube auch nicht, Aufklärung darüber, welche positiven Qualitäten die
verfolgten Minderheiten besitzen, könnte viel nutzen. Die Wurzeln sind in den
Verfolgern zu suchen, nicht in den Opfern, die man unter den armseligsten
Vorwänden hat ermorden lassen. Nötig ist, was ich unter diesem Aspekt einmal
die Wendung aufs Subjekt genannt habe. Man muß die Mechanismen erkennen,
die die Menschen so machen, daß sie solcher Taten fähig werden, muß ihnen
selbst diese Mechanismen aufzeigen und zu verhindern trachten, daß sie
abermals so werden, indem man ein allgemeines Bewußtsein jener
Mechanismen erweckt. Nicht die Ermordeten sind schuldig, nicht einmal in
dem sophistischen und karikierten Sinn, in dem manche es heute noch
konstruieren möchten. Schuldig sind allein die, welche besinnungslos ihren
Haß und ihre Angriffswut an ihnen ausgelassen haben. Solcher
Besinnungslosigkeit ist entgegenzuarbeiten, die Menschen sind davon
abzubringen, ohne Reflexion auf sich selbst nach außen zu schlagen. Erziehung
wäre sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbstreflexion. Da aber die
Charaktere insgesamt, auch die, welche im späteren Leben die Untaten
verübten, nach den Kenntnissen der Tiefenpsychologie schon in der frühen Kindheit sich bilden, so hat Erziehung, welche die Wiederholung verhindern
will, auf die frühe Kindheit sich zu konzentrieren. Ich nannte Ihnen Freuds
These vom Unbehagen in der Kultur. Sie ist aber umfassender noch, als er sie
verstand; vor allem, weil unterdessen der zivilisatorische Druck, den er
beobachtet hat, sich bis zum Unerträglichen vervielfachte. Damit haben auch
die Tendenzen zur Explosion, auf die er aufmerksam machte, eine Gewalt
angenommen, die er kaum absehen konnte. Das Unbehagen in der Kultur hat
jedoch — was Freud nicht verkannte, wenn er dem auch nicht konkret
nachging — seine soziale Seite. Man kann von der Klaustrophobie der
Menschheit in der verwalteten Welt reden, einem Gefühl des Eingesperrtseins
in einem durch und durch vergesellschafteten, netzhaft dicht gesponnenen
Zusammenhang. Je dichter das Netz, desto mehr will man heraus, während
gerade seine Dichte verwehrt, daß man herauskann. Das verstärkt die Wut
gegen die Zivilisation. Gewalttätig und irrational wird gegen sie aufbegehrt.
Ein Schema, das in der Geschichte aller Verfolgungen sich bestätigt hat, ist,
daß die Wut gegen die Schwachen sich richtet, vor allem gegen die, welche man
als gesellschaftlich schwach und zugleich — mit Recht oder Unrecht — als
glücklich empfindet. Soziologisch möchte ich wagen, dem hinzuzufügen, daß
unsere Gesellschaft, während sie immer mehr sich integriert, zugleich
Zerfallstendenzen ausbrütet. Diese Zerfallstendenzen sind, dicht unter der
Oberfläche des geordneten, zivilisatorischen Lebens, äußerst weit
fortgeschritten. Der Druck des herrschenden Allgemeinen auf alles Besondere,
die einzelnen Menschen und die einzelnen Institutionen, hat eine Tendenz, das
Besondere und Einzelne samt seiner Widerstandskraft zu zertrümmern. Mit
ihrer Identität und mit ihrer Widerstandskraft büßen die Menschen auch die
Qualitäten ein, kraft deren sie es vermöchten, dem sich entgegenzustemmen,
was zu irgendeiner Zeit wieder zur Untat lockt. Vielleicht sind sie kaum noch
fähig zu widerstehen, wenn ihnen von etablierten Mächten befohlen wird, daß
sie es abermals tun, solange es nur im Namen irgendwelcher halb oder gar
nicht geglaubter Ideale geschiehtSpreche ich von der Erziehung nach Auschwitz, so meine ich zwei Bereiche:
einmal Erziehung in der Kindheit, zumal der frühen; dann allgemeine
Aufklärung, die ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft,
das eine Wiederholung nicht zuläßt, ein Klima also, in dem die Motive, die zu
dem Grauen geführt haben, einigermaßen bewußt werden. Ich kann mir
selbstverständlich nicht anmaßen, den Plan einer solchen Erziehung auch nur
im Umriß zu entwerfen. Aber ich möchte wenigstens einige Nervenpunkte
bezeichnen. Vielfach hat man – etwa in Amerika – den autoritätsgläubigen
deutschen Geist für den Nationalsozialismus und auch für Auschwitz
verantwortlich gemacht. Ich halte diese Erklärung für zu oberflächlich, obwohl
bei uns, wie in vielen anderen europäischen Ländern, autoritäre
Verhaltensweisen und blinde Autorität viel zäher überdauern, als man es unter
Bedingungen formaler Demokratie gern Wort hat. Eher ist anzunehmen, daß
der Faschismus und das Entsetzen, das er bereitete, damit zusammenhängen,
daß die alten, etablierten Autoritäten des Kaiserreichs zerfallen, gestürzt waren,
nicht aber die Menschen psychologisch schon bereit, sich selbst zu bestimmen.
Sie zeigten der Freiheit, die ihnen in den Schoß fiel, nicht sich gewachsen.
Darum haben dann die Autoritätsstrukturen jene destruktive und — wenn ich
so sagen darf — irre Dimension angenommen, die sie vorher nicht hatten,
jedenfalls nicht offenbarten. Denkt man daran, wie Besuche irgendwelcher
Potentaten, die politisch gar keine reale Funktion mehr haben, zu ekstatischen
Ausbrüchen ganzer Bevölkerungen führen, so ist der Verdacht wohl begründet,
daß das autoritäre Potential nach wie vor weit stärker ist, als man denken sollte.
Ich möchte aber nachdrücklich betonen, daß die Wiederkehr oder
Nichtwiederkehr des Faschismus im Entscheidenden keine psychologische,
sondern eine gesellschaftliche Frage ist. Vom Psychologischen rede ich nur
deshalb soviel, weil die anderen, wesentlicheren Momente dem Willen gerade
der Erziehung weitgehend entrückt sind, wenn nicht dem Eingriff der
Einzelnen überhaupt.
Vielfach wird von Wohlmeinenden, die nicht möchten, daß es noch einmal
so komme, der Begriff der Bindung zitiert. Daß die Menschen keine Bindung
mehr hätten, sei verantwortlich für das, was da vorging. Tatsächlich hängt der
Autoritätsverlust, eine der Bedingungen des sadistisch-autoritären Grauens,damit zusammen. Für den gesunden Menschenverstand ist es plausibel,
Bindungen anzurufen, die dem Sadistischen, Destruktiven, Zerstörerischen
Einhalt tun durch ein nachdrückliches "Du sollst nicht". Trotzdem halte ich es
für eine Illusion, daß die Berufung auf Bindungen oder gar die Forderung, man
solle wieder Bindungen eingehen, damit es besser in der Welt und in den
Menschen ausschaue, im Ernst frommt. Die Unwahrheit von Bindungen, die
man fordert, nur damit sie irgend etwas — sei es auch Gutes — bewirken, ohne
daß sie in sich selbst von den Menschen noch als substantiell erfahren werden,
wird sehr rasch gefühlt. Erstaunlich, wie prompt selbst die törichtesten und
naivsten Menschen reagieren, wenn es ums Aufspüren von Schwächen des
Besseren geht. Leicht werden die sogenannten Bindungen entweder zum
Gesinnungspaß — man nimmt sie an, um sich als ein zuverlässiger Bürger
auszuweisen — oder sie produzieren gehässige Rancune, psychologisch das
Gegenteil dessen, wofür sie aufgeboten werden. Sie bedeuten Heteronomie, ein
Sichabhängigmachen von Geboten, von Normen, die sich nicht vor der eigenen
Vernunft des Individuums verantworten. Was die Psychologie Über-Ich nennt,
das Gewissen, wird im Namen von Bindung durch äußere, unverbindliche,
auswechselbare Autoritäten ersetzt, so wie man es nach dem Zusammenbruch
des Dritten Reichs auch in Deutschland recht deutlich hat beobachten können.
Gerade die Bereitschaft, mit der Macht es zu halten und äußerlich dem, was
stärker ist, als Norm sich zu beugen, ist aber die Sinnesart der Quälgeister, die
nicht mehr aufkommen soll. Deswegen ist die Empfehlung der Bindungen so
fatal. Menschen, die sie mehr oder minder freiwillig annehmen, werden in eine
Art von permanentem Befehlsnotstand versetzt. Die einzig wahrhafte Kraft
gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen
Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum
Nicht-Mitmachen.
Mich hat einmal eine Erfahrung sehr erschreckt: ich las auf einer Reise an
den Bodensee eine badische Zeitung, in der über das Sartre-Stück 'Tote ohne
Begräbnis' berichtet wurde, das die furchtbarsten Dinge darstellt. Dem Kritiker
war das Stück offensichtlich unbehaglich. Aber er hat dies Unbehagen nicht mit
dem Grauen der Sache, die das Grauen unserer Welt ist, erklärt, sondern hat es
so gedreht, daß wir gegenüber einer Haltung wie der Sartres, der damit sich abgebe, doch — ich möchte beinahe sagen — einen Sinn für etwas Höheres
hätten: daß wir die Sinnlosigkeit des Grauens nicht anerkennen könnten. Kurz:
der Kritiker wollte sich durch edles existentielles Gerede der Konfrontation mit
dem Grauen entziehen. Nicht zuletzt darin liegt die Gefahr, daß es sich
wiederhole, daß man es nicht an sich herankommen läßt und den, der auch nur
davon spricht, von sich wegschiebt, als wäre er, wofern er es ungemildert tut,
der Schuldige, nicht die Täter.
Beim Problem von Autorität und Barbarei drängt sich mir ein Aspekt auf,
der im allgemeinen kaum beachtet wird. Auf ihn verweist eine Bemerkung in
dem Buch 'Der SS-Staat' von Eugen Kogon, das zentrale Einsichten zu dem
gesamten Komplex enthält und das von der Wissenschaft und Pädagogik längst
nicht so absorbiert ist, wie es absorbiert zu werden verdiente. Kogon sagt, die
Quälgeister des Konzentrationslagers, in dem er selbst Jahre verbracht hat,
seien zum größten Teil jüngere Bauernsöhne gewesen. Die immer noch
fortdauernde kulturelle Differenz von Stadt und Land ist eine, wenn auch
gewiß nicht die einzige und wichtigste, der Bedingungen des Grauens. Jeder
Hochmut gegenüber der Landbevölkerung ist mir fern. Ich weiß, daß kein
Mensch etwas dafür kann, ob er ein Städter ist oder im Dorf groß wird. Ich
registriere dabei nur, daß wahrscheinlich die Entbarbarisierung auf dem platten
Land noch weniger als sonstwo gelungen ist. Auch das Fernsehen und die
anderen Massenmedien haben wohl an dem Zustand des mit der Kultur nicht
ganz Mitgekommenseins nicht allzuviel geändert. Mir scheint es richtiger, das
auszusprechen und dem entgegenzuwirken, als sentimental irgendwelche
besonderen Qualitäten des Landlebens, die verlorenzugehen drohen,
anzupreisen. Ich gehe so weit, die Entbarbarisierung des Landes für eines der
wichtigsten Erziehungsziele zu halten. Sie setzt allerdings ein Studium des
Bewußtseins und Unbewußtseins der Bevölkerung dort voraus. Vor allem auch
wird man sich zu beschäftigen haben mit dem Aufprall der modernen
Massenmedien auf einen Bewußtseinsstand, der den des bürgerlichen
Kulturliberalismus des neunzehnten Jahrhunderts längst noch nicht erreicht
hatUm diesen Zustand zu verändern, dürfte das normale, auf dem Land
vielfach sehr problematische Volksschulsystem nicht ausreichen. Ich dächte an
eine Reihe von Möglichkeiten. Eine wäre — ich improvisiere —, daß
Fernsehsendungen geplant werden unter Berücksichtigung von
Nervenpunkten jenes spezifischen Bewußtseinszustands. Dann könnte ich mir
vorstellen, daß etwas wie mobile Erziehungsgruppen und -kolonnen von
Freiwilligen gebildet werden, daß sie aufs Land fahren und in Diskussionen,
Kursen und zusätzlichem Unterricht versuchen, die bedrohlichsten Lücken
auszufüllen. Ich verkenne dabei freilich nicht, daß solche Menschen sich
schwerlich sehr beliebt machen werden. Aber es wird dann doch ein kleiner
Kreis um sie sich bilden, der anspricht, und von dort könnte es vielleicht
ausstrahlen.
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